Klabautermann

"Wir hatten uns wieder ein Handelsschiff ausgesucht, welches wir überfallen und ausplündern wollten, das auf unserem Augenschein hin, das heißt auf eine Entfernung von circa drei Seemeilen, uns als eine einfache Beute erschien, da wurden wir, als wir uns mit Piratengeschrei dem Schiff bis auf 200 Meter näherten, von mehrfachen Donner überrascht. Es folgte ein Zischen und ein Rumsen auf unserem Deck.

Diesmal waren wir an ein schwer bewaffnetes Handelsschiff gekommen, welche ihre Geschütze gut getarnt vor Angreifern verborgen hatte und welches selbst eine kampferprobte Crew an Bord beherbergte. Zu unserem Leidwesen.

Wir schossen daraufhin, als wir nahe genug herangekommen waren, erst einmal eine Breitseite zurück. Helle Blitze und Rauch umgaben unsere mächtigen Schiffskanonen. Unter lautem
"Hurra!"-Rufen meiner Piratenmannschaft, vernahmen wir genüßlich den Einschlag unserer schweren Kanonenkugeln auf dem gegenüberliegenden Schiff. Diese erste Salve richtete dort bereits großen Schaden an. Eine Kugel zerbarst deren Fockmast, so daß dieser mit lautem Krachen und Getöse ins Meer fiel. Daraufhin entbrannte auf beiden Seiten eine wilde Schießerei, die kein Schiff unversehrt ließ und auch so manchen Seemann dahinraffte. Doch wir waren gewillt das gegnerische Schiff zu nehmen, es mitsamt deren Mannschaft in unsere Gewalt zu bringen und in Gewahrsam zu halten und so rief ich: "Alle Mann an die Waffen! Entert das Schiff! Hinüber aufs feindliche Deck!" Ein lautes "Hurra!" ertönte wieder von der Mannschaft sowie unverständliches und wildes Jubelgeschrei. Ein halbblinder Seemann aus unserer Mannschaft trommelte dazu heftig auf einer großen Pauke, um unseren Angriff akustisch zu unterstützen und um den gegenüberliegenden Feind damit Furcht einzuflößen.

Während sich meine Crew auf der Backbordseite klar zum entern machte, rief ich:
"Werft das Enterseil und zieht das Schiff ran!" Und so geschah es auch. Kaum war das gegnerische Schiff herangezogen, stürmten auch schon die ersten meiner Piraten auf das gegenüberliegende Schiff los, kletterten aufs Poop- und aufs Achterdeck hinauf, selbst noch auf die Rahen, soweit sie nicht abgehalten wurden, und stachen auf jeden ein, der sich ihnen näherte. Ein heftiger Kampf entbrannte, bei dem niemand verschont blieb. Es wurde mit dem Enterbeil geschlagen, aus Pistolen und Musketen geschossen, als auch mit Säbeln oder mit dem Degen gekämpft.

Zwei Leute gaben sich direkt vor meinen Augen ein schweres Fechtduell, wobei jedoch der Seeräuber, einer meiner Besten, unterlag. Er war bislang der erfahrenste und mutigste Kämpfer unserer eingeschworenen Gemeinschaft gewesen. Ein Degenschlag hatte ihm die Hand vom Arm abgetrennt, in der er sein Entermesser hielt und so war es seinem Gegner ein leichtes, ihm den Todesstoß zu geben."
und bevor der Klabautermann weiter erzählen konnte, sagte ich ihm dazwischen ganz erschüttert:

"O Gott, wart ihr aber alle grausige Leute. Zu dieser Zeit möchte ich dir und deiner Mannschaft aber nicht begegnet sein!".

"Ja, ja, früher war das Leben eben härter und halt auch grausiger. Aber als Klabautermann habe ich dafür zum Ausgleich auch wiederum viele Schiffe mit ihren Mannschaften gerettet und somit viel Gutes getan, auch wenn damit all das Schlechte, was ich in meinem vorherigen Leben gemacht habe, dadurch im Nachhinein nicht besser geworden ist. Doch warte ab, die Geschichte geht ja noch weiter!" und bevor er weiter zu erzählen begann, nahm er sich erst einmal einen kräftigen Schluck Rum aus einer Buddel, die hinter ihm stand, wohl um sich für den Rest der Geschichte etwas Mut anzutrinken.

"Die abgeschlagene Hand des Piraten fiel die geöffnete Ladeluke des Handelsschiffes hinunter. Dort blieb sie aber nicht liegen, sondern bewegte sich ganz schnell hinter eine Kiste, wohl um sich zu verstecken. Es schien, als wäre das Leben und der Geist des Piraten in dieser Hand geblieben. Vom Laderaum aus krabbelte die Hand ungesehen durch die untersten Gänge, bis in die Kapitänskajüte. Dort saß in einem Stuhl der Kapitän des Handelsschiffes und blickte zum Fenster aufs Meer hinaus, als würde ihm der ganze Kampf an Deck nichts angehen. Dies war schon mehr als unüblich. Hatte er denn soviel Vertrauen in seine Mannschaft, das er es nicht für nötig hielt, auf seinem Posten zu sein?

Dann hörte die Hand (sofern sie überhaupt hören konnte) die Stimme des Kapitäns sagen:
"James, sind sie wieder da? Dann massieren sie mir den Nacken weiter! .... Wie steht es mit dem Gefecht da draußen? ..... James, warum antworten sie nicht?"

Doch bevor er sich umdrehen konnte, um nach James zu sehen, krabbelte die Hand ganz schnell die Rückseite des Stuhles hoch und begann den Nacken des Kapitäns zu massieren.
"Aaaah.... James, sie sind ja doch da, warum sagen sie denn nichts? Hat ihnen die Schlacht da oben auf dem Deck etwa die Sprache verschlagen?"

Und während die Hand den Nacken des Kapitäns nun immer heftiger und heftiger massierte, gab der Kapitän den Befehl:
"Nicht so feste James! Wollen sie mich denn umbringen?"

Doch die Hand ließ nicht vom Kapitän ab, der nun erbost aufsprang und sich zu James wenden wollte. Doch es war kein James da. Er, der Kapitän, stand ganz mutterseelen alleine im Raum. Immer noch bearbeitete die Hand den Nacken des Kapitäns. Der griff nun reflexartig hinter seinen Kopf und bekam die Hand zu fassen. Während er seinen Arm wieder nach vorne holte, sah er nun, was er da festhielt: eine Hand, deren Finger sich massierend bewegten. Er ließ die Hand sofort fallen. Wahnsinnig vor Schreck und in panischer Angst sprang er aus dem offenen Fenster hinaus ins Wasser, wo er auch sogleich ertrank. Er konnte nämlich, wie viele andere Seeleute auch, nicht schwimmen. So war das Schiff nun ohne ihren Kapitän.

Flugs machte die Hand sich aus der Kapitänskajüte auf und davon, auf allen fünf Fingern krabbelnd, um oben auf dem Deck im Schlachtengetümmel wieder kräftig mitzumischen. Eilig schlich sie dort auf der Reling entlang. Als zwei Matrosen, die fechtend darauf standen um ihr Leben zu behüten, die eilig herannahende Hand sahen, sprangen auch sie verstört und in panischer Angst ins Wasser.

Dem nächsten Seemann gab die Hand einen Schubs von hinten in den Rücken, so daß er kopfüber in die Ladeluke fiel. Einen anderen Matrosen jagte sie so schnell den Bugspriet und weiter über den Klüverbaum entlang, das dieser auch nur Rettung durch einen Sprung ins Wasser sah. Einen alten Offizier kitzelte sie anschließend so fürchterlich durch, daß er vor lachen, kichern und stöhnen nicht mehr daran dachte sich zu verteidigen oder selbst jemanden anzugreifen. Er wälzte sich auf dem Deck umher, immer folgend von der Hand, bis der Arme einfach vor Aufregung und Anstrengung an einem Herzschlag starb. Letztlich verjagte die Hand die gesamte gegnerische Mannschaft, die nacheinander ins Wasser sprang um sich schwimmend vor ihr zu retten. Doch zum Schluß sprang die Hand auch ins Meer, um dort die übriggebliebenen Matrosen und Offiziere, welche wohl gut schwimmen konnten und daher noch nicht ertrunken waren, weiter in allen Himmelsrichtungen zu jagen."
beendete der Klabautermann seine seltsame Erzählung über die Hand des getöteten Seeräubers.

"Mann oh Mann, das war aber eine gruselige Geschichte, die du mir da gerade vorgetragen hast. Da bekommt man es ja richtig mit der Angst zu tun." gab ich ihm zu verstehen und ich schüttelte mich, angewidert von dem Gedanken, eine solche Hand hier an Deck begegnen zu können. "Ach, erzähle mir nicht so gruselige Geschichten, da wird ja einem ganz anders" beklagte ich mich und wollte aufstehen und gehen.

"Bleib` sitzen, bleib` sitzen!" erwiderte der Klabautermann und er fragte mich: "Du wirst doch nicht etwa wirklich Angst haben?" wobei er vor Freude über meine Empfindsamkeit, mit schadenfrohen Gekichere, abwechselnd mal auf dem linken, dann auf dem rechten Bein hüpfte, wobei dies sicher ein Kunststück gewesen ist, da das rechte Bein ja ein Holzbein war.

Nun, Angst wollte ich mir nicht eingestehen und so sagte ich ihm ganz prahlerisch:

"Ich und Angst? Pah! Ich kenne keine Angst!"

"Na dann ist ja gut, dann kann ich dir ja das nächste Abenteuer meiner Reise erzählen, wenn du möchtest. Möchtest du nicht?"

"Doch, doch! Lege schon los, ich bin bereits ganz gespannt auf deine nächste Geschichte!" was aber nicht so ganz stimmte, ein wenig geschwindelt war es schon.

Unbeeindruckt von meinem leicht abwehrenden Gesichtsausdruck, der ihm hätte ohne weiteres auffallen müssen, erzählte der Klabautermann mir nun seine nächste Geschichte über die Insel mit dem Goldschatz.

Klabautermann